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aufstehen und vorangehen

danke all denen die aufstehen
die den eigenen horizont überwinden
die ihre bequeme nestwärme opfern
die vorangehen

danke all denen die für unser freisein
ein risiko eingehen
die grenzen überschreiten
damit wir atmen können
und gut leben

danke uns allen die wir
nicht wegschauen
die wir die angst überwinden
und widerwort geben

die wir uns
zusammenschließen
aufstehen und vorangehen
damit auch andere atmen
und gut leben können

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Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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Grenzübertritt

Berliner Mauer - Grenzmarkierung - Messingfarbene Streifen auf dem Gehweg.Zum ersten Mal übertrat ich die Grenze von Ost nach West am 10. November 1989. Übergang Bornholmer Straße, Bösebrücke. Ich war 16 Jahre alt. Der Grenzer drückte mir einen Datumsstempel in den noch völlig leeren Personalausweis. Schon war ich „drüben“, ganz einfach. Ich starrte auf diesen ersten Stempel und spürte mit einem Mal so schweißklebrige Fragen in mir aufsteigen: Wird das später doch Folgen haben? Vielleicht werden in ein paar Tagen alle DDR-Bürger kontrolliert und die „Gestempelten“ irgendwie bestraft!? Womöglich ist das ein Test hier, wer die DDR verrät!

Heute überrascht mich diese Heftigkeit. Wie sehr ich unterschwellig Gefahr witterte. Das war mich nicht klar. Und wie wenig frei ich mich fühlte beim Gang in die vielgepriesene Freiheit.

Meine Eltern verließen 1990 die Stadt (rückblickend würde ich es „versuchte Systemflucht“ nennen). Ich blieb in Berlin und fand einen eigenen Weg. Auf den Dächern von Prenzlauer Berg, in den Kreuzberger Hinterhöfen, mit Menschen aus Ost und West. Es kamen Lehre, Geburt meines Kindes, ABM-Stellen, Studium. Die 1990er Jahre waren eine bunte, lebendige Zeit, in der das anfängliche Gefühl, frei atmen zu können, schleichend dahinschmolz. Was war geschehen? Eine Freundin sagte neulich zu mir, in der DDR habe sie sich viel freier gefühlt als heute, trotz der Mauer. War das so? Um welche Art von Freiheit geht es wirklich?

Wer aufmerksam durch Berlin geht, trifft mancherorts auf messingfarbene Metallstreifen, die quer in den Gehweg eingelassen sind mit der Aufschrift „BERLINER MAUER 1961 – 1989“. Sie markieren den Verlauf der ehemaligen Grenze durch unsere Stadt.

Wenn ich über diese Messingstreifen gehe, spüre ich oft einen kleinen Impuls in mir: Da ist er wieder – der Grenzübertritt. Für mich war er damals irgendwie auch das Hinübergehen von der Kindheit ins Erwachsensein. Frei werden, selbstständig werden. Heute erinnern mich die Markierungen mehr an meine inneren, selbst auferlegten Grenzen – zum Beispiel an das permanente „Ich habe keine Zeit“-Gefühl, unter dem außer mir so viele meiner Zeitgenoss*innen leiden. Oder auch das Gefühl, ich hätte nichts zu sagen. Davon möchte ich frei sein.

Vielleicht habt ihr Lust, im Kommentar kurz zu schreiben, wie es euch geht, wenn ihr an so eine Grenzmarkierung kommt: Wo ist eure persönliche Grenze, die ihr überwinden wollt? Wovon wollt ihr euch befreien, um Neuland zu betreten?

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nur nicht wütend

Illustration zum Text "nur nicht wütend" - Ausschnitt eines Aquarells "Café Klapsmühle Berlin", 1992

noch so ne neue mode
„eisenkinder – die stille wut
der wendegeneration“
du lässt die zeitung sinken

(du liest noch zeitung
auf echtem papier)
und ich senke den blick
wütend, ja bin ich das?

bist du denn wütend?
fragst du tatsächlich
ich weiß nicht recht
aber nein nicht doch

wohl kaum, lautet dein urteil
du mit deinen 16 jahren
dir stand die welt ja noch offen

oh nein – ignorier‘ ihn
den kloß im magen
lächerlich total peinlich

ist das scham? oh nein
ein „eisenkind“
nein bin ich nicht

hier gibt es kein wir
und ich kann nicht klagen
den eltern den ist es
schlimm ergangen
mir steht noch heute die welt offen

und diese fein lodernde
wut von der die sprechen
auf dich? nein nein
du hattest ganz andere sorgen
damals im herbst

als das niemandsland sich ausdehnte – in dir und in mir
und seine grenzen risse bekamen
worauf dürfte ich wütend sein?

(niemand sitzt in der küche
und weint)
und deine mutter mahnt
ihr sei es schlimm ergangen
sie habe das land
für uns aufgebaut
zum gut gehen
sind wir verpflichtet

bist du denn wütend?
frage ich endlich
aber du hast dich schon wieder
in die zeitung vertieft in den
schnee von gestern
und nein nein
nur nicht wütend


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

 

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Die Mauer muss weg

Die Mauer muss weg
dachte ich gestern als ich
die alten Bilder im Fernsehen sah
Die Mauer muss weg
rief „das Volk“ vor 30 Jahren
und weit sind wir nicht gekommen

Die Mauer aus unseren Herzen
aus den Köpfen
und den Eingeweiden
Sie steht noch glänzend
schwarz und rot und gold

gemauert aus Angst und Gewohnheit
solide gebaut durch Jahrzehnte
von der Mutter dem Großvater
der Urgroßtante

Schal schmecken die Bilder
der taumelnden Wiedervereinten
der damals Geflohenen
scheel blicken sie heute
auf die Fremden im Land

Geflohene aus fernen Brandherden
Die wollen sicher unser Geld
Parasiten, das sieht man schon
von weitem

Vergessen der taumelnde Freudentanz
89 auf der Mauer
aber sie steht ja noch

die Mauer
muss weg

 


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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Blick zurück – was ich mit Paula Panke zu tun habe

Frauenzentrum Paula Panke e.V.

Im Norden Berlins – im Bezirk Pankow gibt es seit über 20 Jahren das Frauenzentrum Paula Panke: ein Ort, an dem seit seiner Gründung lebendige Frauengeschichte gelebt und gestaltet wird und mit dem ich als Pankowerin seit 1998 eng verbunden bin. In den ersten Jahren nutzte ich (dankbar) das Projekt der flexiblen Kinderbetreuung ebenso wie Paulas Rechtsberatung und besuchte zahlreiche Veranstaltungen. Mein gesellschaftliches Engagement in Form der Mitarbeit im Vorstand bei Paula Panke habe ich dann Anfang 2010 aufgenommen.

Frauenpolitik zum Mitmachen: Die Bildungsreihen im Frauenzentrum Paula Panke

Im Sommer 2012 endete bei Paula Panke die zweijährige Projektreihe „Dach überm Kopp, welche sich mit alternativen Lebens- und Wohnmodellen von Frauen in Berlin beschäftigte. Für die nächste Projektreihe wählten wir nun das Thema „Überlebenskünstlerinnen, das einige Anknüpfungspunkte zur Vorhergehenden bot, aber auch neue Räume eröffnete, sich mit den Lebenswegen und Ideen des (Über-) Lebens von Frauen zu befassen.

Ausstellungsprojekt zu 25 Jahre Mauerfall: Ostdeutsche Frauen werden sichtbar

Aufbau der Ausstellung „Ostdeutsche Frauen werden sichtbar“ zum 8. März 2014 – 25 Jahre Mauerfall

„Überlebenskünstlerinnen“ ist eine sehr bunte, lebendige Reihe geworden mit einer beeindruckenden Zahl an Veranstaltungen, über die hier einiges mehr zu lesen ist. Im zweiten Jahr – 2014 – wurde die Reihe stark vom Thema DDR geprägt. Wir beschäftigten uns mit der Frage, wie es Frauen mit DDR-Wurzeln über die Wendezeit und in den nunmehr 25 Jahren danach ergangen ist. Wo und wie leben sie heute, was ist noch sichtbar? Im März beteiligten wir uns dazu an einem internationalen Fotoprojekt (Video-Dokumentation!) und veranstalteten dann fast monatlich Erzählcafés, die sehr gut besucht waren. Zum Jahresende und auch im Februar 2015 gibt es noch einige Veranstaltungen, die sich mit den Biografien von DDR-Frauen aus unterschiedlicher Perspektive beschäftigen. Sie werden u.a. realisiert durch das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung.

Noch folgende Termine 2014/2015 im Überblick:

  • Mi., 12.11.14 / 19-21 Uhr
    Kinderlose Frauen in der DDR. Vortrag und Podiumsdiskussion im Frauenladen Paula in Weißensee, Langhanstr. 141, 10119 Berlin-Weißensee
  • Fr., 14.11.14 / 19.30-22 Uhr
    Biografietheater zur Ausstellung „Ostdeutsche Frauen werden sichtbar“ – Aufführung der Theatergruppe PAKT im Frauenzentrum Paula Panke, Schulstr. 25, 13187 Berlin-Pankow
  • Mi., 19.11.14 / 19-22 Uhr
    „Ihr Oller is nicht von hier“ Binationale Beziehungen in der DDR. Ort: Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Kottbusser Damm 72, 10967 Berlin-Kreuzberg
  • Mi., 18.02.15 / 19-22 Uhr
    Beziehungsmuster von Frauen aus der DDR – vor und nach der Wende. Vortrag und Podiumsdiskussion im Frauenzentrum Paula Panke, Schulstr. 25, 13187 Berlin-Pankow
  • Sa., 28.02.15 / 10-17 Uhr
    Beziehungsmuster von Frauen aus der DDR – vor und nach der Wende. Schreibworkshop im Frauenzentrum Paula Panke, Schulstr. 25, 13187 Berlin-Pankow

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25 Jahre Mauerfall: Frauenpolitische Veranstaltungsreihe in Berlin

Ausstellungsprojekt zu 25 Jahre Mauerfall: Ostdeutsche Frauen werden sichtbarAm 9. November 2014 jährt sich zum 25. Mal der Fall der Mauer, der durch die friedliche Revolution in der DDR möglich wurde.

In Berlin werden die historischen Ereignisse und die Menschen, die hier mitgewirkt haben, auf vielfältige Weise erinnert und gewürdigt. Selbstverständlich auch an Orten, die sich mit frauenspezifischer Geschichte auseinandersetzen. Als Mitglied im Arbeitskreis Frauenpolitische Bildung am Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung wirke ich aus diesem Anlass an einer Veranstaltungreihe mit, welche DDR-Frauen und ihre Lebenswege in den Mittelpunkt rückt.

Porträtausstellung: Ostdeutsche Frauen werden sichtbar.

Ausstellungsprojekt zu 25 Jahre Mauerfall: Ostdeutsche Frauen werden sichtbarAusstellungsprojekt zu 25 Jahre Mauerfall: Ostdeutsche Frauen werden sichtbarAusstellungsprojekt zu 25 Jahre Mauerfall: Ostdeutsche Frauen werden sichtbar

 

 

 

 

 

Die Idee zu dieser Veranstaltungsreihe hat ihren Ursprung bereits zu Beginn diesen Jahres durch eine Initiative des Berliner Frauenzentrums Paula Panke e.V. Mit einer Ausstellung von 34 Frauenporträts unter dem Titel „Ostdeutsche Frauen werden sichbar“ beteiligte sich das Frauenzentrum an dem internationalen Projekt „Inside out“ des Künstlers J.R. Die Eröffnung der temporären Ausstellung in Berlin-Mitte am 8. März 2014 (Internationaler Frauentag) war der Beginn einer sehr persönlichen Art des Erinnerns und Würdigens von DDR-Frauen und ihrer Geschichte. Mehr über die Ausstellung erfahren Sie hier: East german women go public.

Ab 4. November 2014 werden die o.g. Frauenporträts als Wanderausstellung aufbereitet und mit Original-Zitaten der Porträtierten versehen im Rathaus Berlin-Pankow zu sehen sein. Hier gibt es mehr Infos zur Ausstellungseröffnung.

Erzählcafés „Gut angekommen?“ – Frauen mit DDR-Wurzeln erzählen ihre Geschichte

Begleitend zur der o.g. Porträtserie finden seit März 2014 ca. 1x monatlich Erzählcafés im Frauenzentrum Paula Panke statt. Im Mittelpunkt dieser Erzählcafés stehen jeweils zwei der porträtierten Frauen, die zu ihrer Geschichte befragt werden. Hierbei geht es neben den persönlichen Erfahrungen der Frauen grundsätzlich um die Frage: Wie haben Frauen aus der DDR den Übergang in die heutige Gesellschaft gemeistert – welche (Überlebens-) Wege sind sie gegangen? Was werden sie antworten auf die Frage: “Gut angekommen?”
Mit den Erzählcafés möchten wir Frauen aus verschiedenen DDR-Generationen einladen, sich (wieder) zu Wort zu melden und ins Gespräch zu kommen. Jüngere Generationen sind herzlich gebeten, an diesem Austausch teilzuhaben – und die eigene Sichtweise auf das Leben damals und heute einzubringen.

Moderation: Astrid Landero (Publizistin, Geschäftsführerin des Frauenzentrums Paula Panke)
Nächste Termine:
Mittwoch, 15.10.2014, 19 bis ca. 22 Uhr
Mittwoch, 05.11.2014, 20 bis ca. 22 Uhr
Ort: Frauenzentrum Paula Panke | Schulstraße 25 | 13187 Berlin-Pankow (S+U-Bhf. Pankow)
Eintritt: frei
Info und Anmeldung: frauenzentrum@paula-panke.de, Tel: 030 – 485 47 02

Aufbruch, Verlusterfahrung und Neubestimmung.
Biografiearbeit für Frauen mit DDR-Herkunft

Anknüpfend an das genannten Ausstellungsprojekt und die Erzählcafés werden im November zwei weitere Veranstaltungen zu diesem Thema stattfinden:

Kinderlose Frauen in der DDR – zwischen Selbstbestimmung und Diskriminierung
Vortrag und Podiumsdiskussion für Frauen

Veranstalter: Arbeitskreis frauenpolitische Bildung /Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Termin: Mittwoch, 12.11.2014, 19 bis ca. 22 Uhr
Ort: Frauenladen Paula in Weißensee | Langhansstraße 141 | 10119 Berlin
Eintritt: frei, Anmeldung nicht erforderlich
Mehr Informationen zur Veranstaltung: Kinderlose Frauen in der DDR – zwischen Selbstbestimmung und Diskriminierung

„Ihr Oller is nich von hier“
Binationale Beziehungen in der DDR – zwischen Reglementierung und Nische

Vortrag und Podiumsdiskussion

Veranstalter: Arbeitskreis frauenpolitische Bildung /Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Termin: Mittwoch, 19.11.2014, 19 bis ca. 22 Uhr
Ort: Frauenzentrum Paula Panke | Schulstr. 25 | 13187 Berlin-Pankow (S+U-Bhf. Pankow)
Eintritt: frei, Anmeldung nicht erforderlich
Mehr Informationen zur Veranstaltung: Binationale Beziehungen in der DDR