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Grenzübertritt

Berliner Mauer - Grenzmarkierung - Messingfarbene Streifen auf dem Gehweg.Zum ersten Mal übertrat ich die Grenze von Ost nach West am 10. November 1989. Übergang Bornholmer Straße, Bösebrücke. Ich war 16 Jahre alt. Der Grenzer drückte mir einen Datumsstempel in den noch völlig leeren Personalausweis. Schon war ich „drüben“, ganz einfach. Ich starrte auf diesen ersten Stempel und spürte mit einem Mal so schweißklebrige Fragen in mir aufsteigen: Wird das später doch Folgen haben? Vielleicht werden in ein paar Tagen alle DDR-Bürger kontrolliert und die „Gestempelten“ irgendwie bestraft!? Womöglich ist das ein Test hier, wer die DDR verrät!

Heute überrascht mich diese Heftigkeit. Wie sehr ich unterschwellig Gefahr witterte. Das war mich nicht klar. Und wie wenig frei ich mich fühlte beim Gang in die vielgepriesene Freiheit.

Meine Eltern verließen 1990 die Stadt (rückblickend würde ich es „versuchte Systemflucht“ nennen). Ich blieb in Berlin und fand einen eigenen Weg. Auf den Dächern von Prenzlauer Berg, in den Kreuzberger Hinterhöfen, mit Menschen aus Ost und West. Es kamen Lehre, Geburt meines Kindes, ABM-Stellen, Studium. Die 1990er Jahre waren eine bunte, lebendige Zeit, in der das anfängliche Gefühl, frei atmen zu können, schleichend dahinschmolz. Was war geschehen? Eine Freundin sagte neulich zu mir, in der DDR habe sie sich viel freier gefühlt als heute, trotz der Mauer. War das so? Um welche Art von Freiheit geht es wirklich?

Wer aufmerksam durch Berlin geht, trifft mancherorts auf messingfarbene Metallstreifen, die quer in den Gehweg eingelassen sind mit der Aufschrift „BERLINER MAUER 1961 – 1989“. Sie markieren den Verlauf der ehemaligen Grenze durch unsere Stadt.

Wenn ich über diese Messingstreifen gehe, spüre ich oft einen kleinen Impuls in mir: Da ist er wieder – der Grenzübertritt. Für mich war er damals irgendwie auch das Hinübergehen von der Kindheit ins Erwachsensein. Frei werden, selbstständig werden. Heute erinnern mich die Markierungen mehr an meine inneren, selbst auferlegten Grenzen – zum Beispiel an das permanente „Ich habe keine Zeit“-Gefühl, unter dem außer mir so viele meiner Zeitgenoss*innen leiden. Oder auch das Gefühl, ich hätte nichts zu sagen. Davon möchte ich frei sein.

Vielleicht habt ihr Lust, im Kommentar kurz zu schreiben, wie es euch geht, wenn ihr an so eine Grenzmarkierung kommt: Wo ist eure persönliche Grenze, die ihr überwinden wollt? Wovon wollt ihr euch befreien, um Neuland zu betreten?