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30 Texte schreiben im November

Der Herbst ist ja bekanntlich eine ansteckende Jahreszeit. Allerdings nicht nur für Erkältungen… Wie eine Art Virus, aber einer der freundlichen Sorte, hat sich das „30 Tage Schreiben und Zeichnen im November“ in der Berliner Schreibszene ausgebreitet. Meine Schreibfreundin Brigitte, ist schon seit Wochen im vorfreudigen Fieber: Schreiben im November – jeden Tag einen Text … und ein Bild entstehen lassen. Ein Spiel mit Bildern und Texten, Worten, Gedanken, zwischen Schreibenden.

Eigentlich recht verlockend, denke ich mir. Ein Ping Pong (Päng, Pung… ) auch zwischen dir, liebe Leserin, lieber Mitschreiber, und mir, die mitliest und schreibt – und dem November, der wie ein nebliges, graugrünes Wattenmeer das Ende des Jahres einläutet.

Endlich bricht die Zeit der Introvertierten an, wir entzünden Kerzen, trinken große Mengen Kräuter- u.a. Tees und steigen in dampfende Badewannen. Es ist nur recht, sich zu Hause einzugraben und nicht mehr hektisch von A nach B zu rennen, die Gartenhütte zu reparieren oder sonstewas. Endlich Ruhe. Die perfekte Zeit zum Schreiben.

Wie jedes Spiel, das mit Schreiben – und dann auch noch mit Zeichnen – zu tun hat, schwingt bei mir sogleich eine Saite an. Eine innere Stimme flüstert: Mach mit, das ist witzig! Wird bestimmt ein totaler Spaß. Und im November gelingt sowieso nichts anderes (außer gelegentlich eine Revolution, aber das ist eine andere Sache).

Wer Lust hat, schaut hier, was aus meiner Ansteckung (bisher) entstanden ist: 30 Texte im November.

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Novembersonne

In der Kühle des Morgens
erscheint auf dem Bahnsteig
endlich Novembersonne
wärmt mir die Augendeckel
dunkelorange oh ja

ich tanke gierig die Wärme
und auf der leuchtenden Leinwand
erscheint dieses Bild von dir

wie du in längst vergangener Küche stehst
und in Töpfen und Pfanne
Salzkartoffeln Buletten und Mischgemüse
zauberst

und die Zigarette in deiner linken Hand
schickt Rauchzeichen aus dem Fenster
blau graue Gespensterkringel
zu mir ins gleißende Licht

da dank ich recht herzlich

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aufstehen und vorangehen

danke all denen die aufstehen
die den eigenen horizont überwinden
die ihre bequeme nestwärme opfern
die vorangehen

danke all denen die für unser freisein
ein risiko eingehen
die grenzen überschreiten
damit wir atmen können
und gut leben

danke uns allen die wir
nicht wegschauen
die wir die angst überwinden
und widerwort geben

die wir uns
zusammenschließen
aufstehen und vorangehen
damit auch andere atmen
und gut leben können

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Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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Der König

Aus der Begrenztheit schlüpfen

Die rote Sonne sehen
Die Armstümpfe zu Flügeln wachsen lassen

Sich ins wahrhaft Freie denken
Dem dunklen Schacht sich ganz ergeben
Die Hülle überwinden: den eigenen Stolz

Die schwere Krone der Anerkennung ablegen
Er hat sich bemüht

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Grenzübertritt

Berliner Mauer - Grenzmarkierung - Messingfarbene Streifen auf dem Gehweg.Zum ersten Mal übertrat ich die Grenze von Ost nach West am 10. November 1989. Übergang Bornholmer Straße, Bösebrücke. Ich war 16 Jahre alt. Der Grenzer drückte mir einen Datumsstempel in den noch völlig leeren Personalausweis. Schon war ich „drüben“, ganz einfach. Ich starrte auf diesen ersten Stempel und spürte mit einem Mal so schweißklebrige Fragen in mir aufsteigen: Wird das später doch Folgen haben? Vielleicht werden in ein paar Tagen alle DDR-Bürger kontrolliert und die „Gestempelten“ irgendwie bestraft!? Womöglich ist das ein Test hier, wer die DDR verrät!

Heute überrascht mich diese Heftigkeit. Wie sehr ich unterschwellig Gefahr witterte. Das war mich nicht klar. Und wie wenig frei ich mich fühlte beim Gang in die vielgepriesene Freiheit.

Meine Eltern verließen 1990 die Stadt (rückblickend würde ich es „versuchte Systemflucht“ nennen). Ich blieb in Berlin und fand einen eigenen Weg. Auf den Dächern von Prenzlauer Berg, in den Kreuzberger Hinterhöfen, mit Menschen aus Ost und West. Es kamen Lehre, Geburt meines Kindes, ABM-Stellen, Studium. Die 1990er Jahre waren eine bunte, lebendige Zeit, in der das anfängliche Gefühl, frei atmen zu können, schleichend dahinschmolz. Was war geschehen? Eine Freundin sagte neulich zu mir, in der DDR habe sie sich viel freier gefühlt als heute, trotz der Mauer. War das so? Um welche Art von Freiheit geht es wirklich?

Wer aufmerksam durch Berlin geht, trifft mancherorts auf messingfarbene Metallstreifen, die quer in den Gehweg eingelassen sind mit der Aufschrift „BERLINER MAUER 1961 – 1989“. Sie markieren den Verlauf der ehemaligen Grenze durch unsere Stadt.

Wenn ich über diese Messingstreifen gehe, spüre ich oft einen kleinen Impuls in mir: Da ist er wieder – der Grenzübertritt. Für mich war er damals irgendwie auch das Hinübergehen von der Kindheit ins Erwachsensein. Frei werden, selbstständig werden. Heute erinnern mich die Markierungen mehr an meine inneren, selbst auferlegten Grenzen – zum Beispiel an das permanente „Ich habe keine Zeit“-Gefühl, unter dem außer mir so viele meiner Zeitgenoss*innen leiden. Oder auch das Gefühl, ich hätte nichts zu sagen. Davon möchte ich frei sein.

Vielleicht habt ihr Lust, im Kommentar kurz zu schreiben, wie es euch geht, wenn ihr an so eine Grenzmarkierung kommt: Wo ist eure persönliche Grenze, die ihr überwinden wollt? Wovon wollt ihr euch befreien, um Neuland zu betreten?

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nur nicht wütend

Illustration zum Text "nur nicht wütend" - Ausschnitt eines Aquarells "Café Klapsmühle Berlin", 1992

noch so ne neue mode
„eisenkinder – die stille wut
der wendegeneration“
du lässt die zeitung sinken

(du liest noch zeitung
auf echtem papier)
und ich senke den blick
wütend, ja bin ich das?

bist du denn wütend?
fragst du tatsächlich
ich weiß nicht recht
aber nein nicht doch

wohl kaum, lautet dein urteil
du mit deinen 16 jahren
dir stand die welt ja noch offen

oh nein – ignorier‘ ihn
den kloß im magen
lächerlich total peinlich

ist das scham? oh nein
ein „eisenkind“
nein bin ich nicht

hier gibt es kein wir
und ich kann nicht klagen
den eltern den ist es
schlimm ergangen
mir steht noch heute die welt offen

und diese fein lodernde
wut von der die sprechen
auf dich? nein nein
du hattest ganz andere sorgen
damals im herbst

als das niemandsland sich ausdehnte – in dir und in mir
und seine grenzen risse bekamen
worauf dürfte ich wütend sein?

(niemand sitzt in der küche
und weint)
und deine mutter mahnt
ihr sei es schlimm ergangen
sie habe das land
für uns aufgebaut
zum gut gehen
sind wir verpflichtet

bist du denn wütend?
frage ich endlich
aber du hast dich schon wieder
in die zeitung vertieft in den
schnee von gestern
und nein nein
nur nicht wütend


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

 

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Schreib-Nirwana

Besoffen von Wörtern
Stürzen wir durch die Nacht
Schwenken große große Flaschen Zeichenlikör
Chaos produzieren wollen wir
Echte Haschmichs aus Silbenteig
Spät ist es und ich will fettige sehr fettige Wurst essen auf Toast
Halte einen Wursttoast
So zu sagen
Das hilft gegen Buchstabenkater
Ich muss an die frische Luft
Dieser Wörterkuchen ist einfach mächtig
Nur natürliche Zutaten
Hast du fein gemacht
Eine schlagkräftige Antwort
Auf meinen Schachtelsatzsalat
Täglich täglich Wörter saufen will ich
Mit dir im
Magischen Vokalevollrausch
ins Schreib-Nirwana
Schweben


Dieser Text ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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vom seidenen faden

deine perlenkette
ist nun entzwei

heute morgen auf der treppe zur untergrundbahn
als ich wie immer in eile
zwei stufen auf einmal nahm
riss sie sich los von mir

die grünen steine erlöst
vom seidenen faden
rannten mir die Brust herunter
und sprangen die stufen hinab
noch eiliger als ich selbst
und mit ihnen sprangen mir
tränen aus den augen
und ein schrei erstarrte im mund
vor entsetzen

wie ein automat lief ich
deinen perlen hinterher,
die lustig hierhin und dorthin hüpften
auf steinernen stufen und
noch warm von meiner haut
zwischen all den menschen
die zur arbeit strömten

eine einzige frau wandte sich um und begann
mir zu helfen die erinnerung an dich aufzulesen
sie gab mir eine handvoll
immerhin
und die worte sie habe
auch gerade jemanden verloren
das half

 


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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scharmützel

drängel nicht vor
atme ein und aus
nimm dich nicht wichtig
schreib ach schreib!
aber nur nichts dummes
komm in die stille
tu was sinnvolles
einfach leben
ein dummkopf bist du
und genieße es
du bist nicht frei
nimm dir immer
ein letztes wort


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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Die Mauer muss weg

Die Mauer muss weg
dachte ich gestern als ich
die alten Bilder im Fernsehen sah
Die Mauer muss weg
rief „das Volk“ vor 30 Jahren
und weit sind wir nicht gekommen

Die Mauer aus unseren Herzen
aus den Köpfen
und den Eingeweiden
Sie steht noch glänzend
schwarz und rot und gold

gemauert aus Angst und Gewohnheit
solide gebaut durch Jahrzehnte
von der Mutter dem Großvater
der Urgroßtante

Schal schmecken die Bilder
der taumelnden Wiedervereinten
der damals Geflohenen
scheel blicken sie heute
auf die Fremden im Land

Geflohene aus fernen Brandherden
Die wollen sicher unser Geld
Parasiten, das sieht man schon
von weitem

Vergessen der taumelnde Freudentanz
89 auf der Mauer
aber sie steht ja noch

die Mauer
muss weg

 


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

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Elfchen vom Zweifeln

ich
bin weltmeisterin
im zweifeln: aber
vielleicht auch doch nicht.
andererseits…