By

Dunkelblau – eine Gedankenreise

Dunkelblaues Manuskript. Visionen entwickeln mit einer Gedankenreise / Fantasiereise. Kreatives Schreiben in BerlinEines Morgens betrat ich die Straße vor meinem Haus und sah einen Mann an der Ecke stehen. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich ging langsam auf ihn zu und musterte sein Gesicht. Sonnengebräunte Haut, dichte Augenbrauen – tiefschwarz, die Schläfen schon leicht ergraut. Er drehte den Kopf und lächelte, als er mich entdeckte.

„Guten Tag!“ Ich zuckte leicht zusammen. „Ja? Hallo?“, sagte ich und trat zögernd etwas näher. Ich wusste immer noch nicht, wohin ich das Gesicht stecken sollte.

„Ich habe schon auf dich gewartet.“ Der Mann lächelte wieder – schmunzelte richtig in sich hinein. Ehe ich noch etwas sagen konnte, öffnete er einen dunkelblauen Aktenkoffer – darin kam ein dickes, handbeschriebenes Manuskript zum Vorschein.

„Hier“, sagte der Mann und überreichte mir die Papiere. „Das ist doch für dich!“ Daraufhin zwinkerte er mir kurz zu und ging ohne ein weiteres Wort davon. Ich starrte ihm hinterher und dann auf den Packen Papier in meinen Händen. Es war ein leicht vergilbtes Bündel, das mit zierlicher, gleichmäßiger Handschrift beschrieben war.

„Wer schreibt denn heute noch mit der Hand?“, dachte ich. „Dolores, wie sie wirklich war“, entzifferte ich die geschwungene Schrift.’Ganz sicher‘, dachte ich, ‚hat das eine Frau geschrieben.‘

Ich stand immer noch an der Straßenecke und war neugierig, wie Dolores wirklich gewesen sein mochte. Ein frischer Wind blies mir in den Nacken und ich spürte, wie durchgefroren ich inzwischen war. Mit klammen Fingern öffnete ich das Manuskript und entdeckte: Die Seiten waren ganz leer. ‚Da ist Dolores wohl ein Nichts gewesen‘, dachte ich enttäuscht. Vielleicht hatte sie auch gar nicht existiert. Aber das konnte nicht sein.

Nachdenklich schaute ich auf das Deckblatt und las den Titel – wieder und wieder. Es war wirklich seltsam. Den Namen Dolores kannte ich nämlich sehr gut: Mit diesem, meinem zweiten Vornamen war ich als junges Mädchen gerufen worden. Schon lange hatte ihn niemand mehr benutzt und nur meine Familie und Freunde von damals kannten den Namen. Menschen aus meiner jetzigen Welt nannten mich: Sonja. Oder Dr. Sonja Mandelbaum.

Dolores. Das war ein Klang von früher. Ein Name, der längst verschwunden war. Was sollte das?

Plötzlich fiel mir der Mann wieder ein. Wo mochte er hingegangen sein? Meine Augen suchten die Straße ab, aber da waren nur fremde Leute. Ich stand allein, umgeben von Verkehr und Fußgängern. Eine Frau schob einen Zwillingswagen vorbei, ein Mann – Mitte dreißig, in Jogging-Hosen, führte einen stattlichen Boxerhund an der Leine. Ich stand allein und überlegte, wie Dolores wirklich war.

Schreibtipp

Der Text kann die Grundlage für eine Gedankenreise sein, um verschüttete Träume, ungelebte bzw. unsichtbare Seiten des Selbst zu erkunden. Vielleicht finden Sie es spannend, sich vorzustellen, Sie selbst hätten an Dolores Stelle diese Begegnung gehabt. Was würde in Ihrem Manuskript des ungelebten, verschütteten Lebens stehen? Machen Sie sich Notizen…

Kreative Biografiearbeit: Die Gedankenreise, auch Fantasiereise genannt, ist eine Methode, die ich gern in meinen Workshops zur kreativen Biografiearbeit einsetze, insbesondere, wenn es um das Entwickeln von Zukunftsbildern bzw. Visionen geht.

By

Kreatives Schreiben mit Sprichwörtern

Der folgende Text entstand bei unserem Offenen Treff für kreatives Schreiben.

Wortwörtlich

Schreibidee "einen Frosch im Hals haben"

Frosch im Hals? Geschichtenideen aus Sprichwörtern und Redewendungen

Plötzlich bekam Kai keine Luft mehr. Er beugte sich hustend über die Salatschale und röchelte. Seine Mutter sprang vom Tisch auf,  in zwei Sätzen war sie bei ihm und schlug dem Jungen kurz und kräftig auf den Rücken. Der aber ruderte nur wild mit den Armen und starrte hilfesuchend seine Mutter an. Sekunden später hatte diese den Notruf gewählt.

Der Arzt stellte zügig seinen Koffer ab und beugte sich über den röchelnden Patienten. Mit schnellen Bewegungen tastete er routiniert Hals und Kiefer des Jungen ab. Eine Lampe leuchtete in den Rachen und eine Art Schlauchzange zwängte sich – während Kai verzweifelt nach Atem rang – die Luftröhre hinab. Der Arzt packte es, das da zappelnd den Weg versperrte. Ein kurzer Ruck und Kai war befreit. Er hustete und starrte erstaunt auf das kleine Tablett, auf dem der Arzt den Störenfried platziert hatte. Dort hockte nun ein winziger Frosch, nicht größer als der Nagel von Kais kleinem Finger, und war ebenso schreckerstarrt wie der Junge selbst.

© Textarchiv möllerscript, 2016 | Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Kreative Schreibmethode:

Sprichwörter und Redewendungen als Inspiration für Geschichten nutzen

Aus einer vorbereiteten Sammlung zieht jede/r ein Sprichwort (oder eine Redewendung) und verfasst dazu eine kurze Geschichte, in der das Sprichwort tatsächlich wortwörtlich passiert, also nicht im übertragenen Sinne, als Metapher verwendet wird. So war der Ausgangspunkt für den hier vorgestellten Text zum Beispiel die Redewendung „einen Frosch im Hals haben“.


Mehr Infos zum Schreibtreff

By

Textfundstück: Der Flaneur

Die Berliner Untergrundbahn erhebt sich, an diesem sonnigen Dienstagvormittag noch spärlich besetzt, aus der Tiefe und ruckelt leise quietschend weiter über der Stadt. Das plötzliche Tageslicht blendet, der Mann mir gegenüber kneift die Augen zusammen. Ich sehe einen Anzugträger um die 50, sein Gesicht eingerahmt von einer dickrandigen Brille, leicht ergraut der Bart. Auf den Knien die unvermeidliche schwarze Notebook-Tasche. – Wer weiß, was da wirklich drin ist? Wer ist der Mann und wohin fährt er? – Ich denke mir Folgendes:

Frank ist die rechte Hand des Geschäftsführers eines aufstrebenden Berliner Software-Unternehmens. Seit acht Jahren fährt er jeden Morgen von Pankow zum Fehrbelliner Platz. Allerdings fährt er nicht – wie Millionen seiner Zeitgenossen – auf direktem und zeitsparendstem Wege zur Arbeit. Er liebt es vielmehr, einen Umweg zu nehmen. Wo andere seufzen, genießt er die Verspätung, gönnt sich den Zwischenausstieg und das Flanieren durch die Stadt. Dass er dafür die doppelte, manchmal drei- oder vierfache Zeit braucht, ist ihm nicht Qual, sondern höchstes Vergnügen.

Der Mann entnimmt seiner Tasche ein schmales Notebook, klappt es auf und beginnt unverzüglich zu schreiben. Beim Tippen schmunzelt er leise in sich hinein. Anscheinend hat er einen echten Fund gemacht. Und da höre ich es auch: Die beiden Kinder neben ihm auf der Bank unterhalten sich über ein interessantes Thema.

Der Flaneur - Kreatives Schreiben in der U-Bahn

Situations-Skizze für den Fall, dass der Protagonist noch während des Schreibens davonläuft

Was passiert, wenn man tot ist?, fragt der Junge. – Wir kommen alle in einen großen Kessel, der wird dann verrührt, und etwas Neues wird daraus gemacht, erklärt ihm freundlich seine Begleiterin. Ein Baum, ein Entenküken, ein Kiesel oder wieder ein neuer, kleiner Mensch. – Der Junge runzelt die Stirn. – Ein Baby also? – Dann sagt er: Unsere Seele kommt aber nicht in den Kessel. Die fliegt hoch. – Wohin denn? – Jetzt verzieht das Mädchen mitleidig den Mund. Der Junge erklärt ernst: Sie fliegt hin, wo sie hinwill. Über das Wasser oder auf einen hohen Berg oder ins Weltall mit den Kosmonauten. – Das Mädchen überlegt nun doch: Und die Seele, die gerade keine Lust mehr zum fliegen hat, sucht sich jemanden, der aus dem Kessel kommt. – Aber wo steht der Kessel?

Frank klappt das Notebook zu und erhebt sich zum Aussteigen. „Hausvogteiplatz“ lese ich auf den einfahrenden Schildern am Bahnsteig. Ich stehe auch auf und folge ihm. Dicht hintereinander erklimmen wir die Treppenstufen raus dem Bahnhof. Dann lasse ich ihn vorausgehen. Mein Geschichtenträger schlendert gemächlich um zwei Ecken, quert den Hausvogteiplatz, nicht ohne vor dem ehrwürdigen Schauspielhaus einen Moment innezuhalten. Um diese Uhrzeit ist der Platz noch wie leergefegt. Der Himmel hat sich inzwischen verdunkelt und ein paar dicke Regentropfen lösen sich aus den Wolken. Der Flaneur schlägt den Kragen hoch und wendet sich zum Gehen. Ich meine, ihm anzusehen, wie er den Faden seiner Geschichte in Gedanken weiterspinnt. Während er einer Radfahrerin den Vortritt lässt und sich geschickt zwischen zwei wartenden Taxis durchschlängelt, denkt er über das Sterben nach, über einen großen Kessel und fliegende Seelen.

Wir gehen noch ein Stück zusammen die Jerusalemer Straße hinunter Richtung Leipziger. Ein Bus fährt gerade an einer Haltestelle ein und ich lasse meinen Flaneur einsteigen und davonfahren. Frank wird sich an diesem Morgen noch weitere 45 Minuten durch die Stadt chauffieren lassen. Ein- oder zweimal wird er umsteigen und das letzte Stück zum Bürogebäude zu Fuß zurücklegen. (So denke ich mir das jedenfalls.) Ich spaziere zurück zur U-Bahn fahre weiter auf geradem Weg dorthin, wo ich ursprünglich hinwollte.

Erfahre hier mehr über die Schreibmethode zu diesem Text.

By

Textfundstück: Als der Mond einen Affen hatte

Kreatives Schreiben über Mond und Affe - Offener Schreibtreff in Berlin

Bild: A. Dreher / pixelio

Dieser Text entstand bei einem unserer Offenen Treffs für kreatives Schreiben in Berlin-Pankow.

Als der Mond einen Affen hatte

von Petra Lohan

Genüsslich lehnte der Mond sich auf einer Astgabel zurück. Er befand sich gerade in seiner Halbmondzeit und so war es ein leichtes für ihn, sich zu verstecken. Er war schon sehr betagt, mehrere Millionen Jahre hatte er schon erlebt, ebenso viele Winter, Frühlinge, Sommer, Herbste, einige Eiszeiten, Überschwemmungen, Hitzewellen, Klimaveränderungen.

Er war es leid, immer und immer wieder dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Zeigte er sich in seiner ganzen Fülle, rund und strahlend, so sagten die Menschen:

„Das Wetter wird umschlagen.“

War er besonders glücklich und ließ seine nächste Umgebung hell erstrahlen, meinten sie: „Ein Unwetter wird kommen.“
Selbst die Gezeiten schrieben sie ihm zu, ja, sogar die Geburten. Sogar das Regelblut der Frauen wurde mit ihm in Zusammenhang gebracht.
Er ließ sich noch ein wenig tiefer ins Geäst sinken.
„Dabei bin ich doch nur ein winziges Teilchen im Puzzle! Niemand regt sich über die Sonne auf, obgleich sie doch mit ihren Strahlen ganze Erdstriche vertrocknen lässt.
Und was ist mit den anderen Planeten? Nur weil sie nicht sichtbar sind, sollen sie keine Auswirkungen auf das Geschehen auf der Erde haben?
Oder die vielen Sterne – die Menschen kennen sie zwar und beobachten sie…“
Ihm kam das ungerecht vor.
Jetzt hatten sie sogar schon einen Affen zu ihm geschickt.
Auf einer Raumfähre; es war derselbe Affe, der ihn schon seit aller Ewigkeit nervte.
Der ewige Affe, der ihn nie in Ruhe ließ, der hin und her rannte, Streit suchend die anderen gegen sich aufbrachte.
Der Affe, der alle Puzzleteile durcheinander warf – ihn sollten sie beobachten, oder, besser noch: verhaften.

Er war der Urheber allen Unheils. Jetzt aber schickten sie ihn zu ihm – damit seine Ruhe nun wirklich dahin war; der Affe würde die Mondsteine durch die Gegend werfen, er würde seine Nase in Dinge stecken, die ihn nun wirklich gar nichts angingen.
Und das allerschlimmste: Der Affe würde herausfinden, dass es den Mann im Mond gar nicht gibt – der Mann im Mond, die letzte Instanz mit der die Menschenkinder noch zu beruhigen waren.
Ihm graute vor dieser Zukunft:
Eine Zukunft ohne Würde und Anstand.
Verdammt zu ewiger Unruhe und Schlaflosigkeit durch die Raserei des Affen.
Ganz für sich beschloss der Mond:
Er würde nicht mehr aus seinem Versteck heraus kommen – er würde nicht mehr für die Menschen scheinen, und den Rhythmus des Wassers, den sollten sie in Zukunft selber regeln.

Eine heftige Unruhe hatte unterdessen den Affen befallen – nicht, dass das ein unbekannter Zustand für ihn gewesen wäre – seit Anbeginn seiner Existenz war sie mit ihm, er sah, was schief lief, wollte es verändern, wollte sagen: Halt! Stopp!
Aber niemand beachtete ihn.
Ja, auch damals, als sich einige seiner Artgenossen von der Ursippe der Affen abzuspalten begannen und die Dinge wirklich kompliziert wurden, da weigerten sich auch alle, ihm zuzuhören.
Und so rannte er dagegen, unaufhörlich, immer wieder, seit Jahrtausenden.

Epilog

Der Mond mit seinem Affen auf dem Stück der Erde, das ihm noch geblieben war, glitt dahin in der Unendlichkeit des Weltalls.
Der Affe, der es sich in einem Kraterloch des Mondes bequem gemacht hatte, um sich von seinem Schock zu erholen, begann, langsam aufzuwachen.
Noch immer benommen und einsam, hungrig und ärgerlich, hysterisch und aufwieglerisch, begann er, sich zu strecken.
Und als er sich wieder als der fühlte, der er war, bevor ihm diese unglaubliche Geschichte mit dem Mond passiert war, begann er erneut zu schreien, schmiss mit Steinen um sich, rannte hin und her auf der Oberfläche des Mondes und veranstaltete ein solches Gezeter, dass der Mond sich schließlich entschloss, etwas zu erwidern, da ihn die Unruhe des Affen doch sehr störte:
„Nun beruhige dich!“, begann er, „ das wird in ein paar Tagen wieder besser.“
„Nie, niemals wird es wieder besser!“ Der Affe glaubte dem Mond kein Wort und fuhr fort, sich kreischend hin und her zu bewegen. Alles, was er fand, warf er durcheinander – unerträglich wurde sein Geschrei.
„Das habe ich befürchtet! – Wenn du dich weiter so aufführst, fallen wir noch hinunter. Was dann?“
„Is mir egal, is mir alles egal! Du hättest die Erde retten können! Nur du!“
„Hättest du nicht immer so gesoffen und dich so äffisch verhalten, ja, dann hätt ich‘s vielleicht versucht. – Aber so?! War ja nicht auszuhalten. Ich wünschte wirklich, du hättest dir ‘nen anderen ausgesucht. Aber es musste ja mal wieder mich treffen!“
Nun schrie der Affe wie am Spieß, biss in die sandige Oberfläche des Mondes, trommelte mit den Fäusten und stampfte mit den Füßen.
„Was fällt dir ein! Öffentlich darüber zu reden – so viel Anstand hättest du wohl bewahren können! Alter Mond! Das hätte ich nie von dir gedacht!“
Und der Affe fiel in ein langanhaltendes Geheule und begann sich einzugraben.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin

By

Ode an eine Zitrone

kreative Schreibmethode: einen Liebesbrief an ein Obst schreiben

Das Schreiben mit allen Sinnen ist eine bewährte Regel, um Texten (aller Art) echtes Leben einzuhauchen.

Bei unserem Schreibtreff im Januar haben wir – zur Inspiration und Stärkung der Schreiblust – einen Liebesbrief an ein Obst verfasst. Und dabei auch das eine oder andere vitaminreiche Anschauungsmaterial direkt verspeist. Ich danke unserer Mitstreiterin Antje für ihren so entstandenen kleinen Spontantext, den ich hier veröffentlichen darf:

 

Meine Ode an die Zitrone

Viele verziehen nur das Gesicht und sagen, dass du sauer bist.
Aber ich verstehe dich, ich wäre auch sauer, wenn alle so ein Gesicht machen.
Dabei hast du auch ganz andere Qualitäten und bist ein Schatz.
Das muss mal gesagt werden.
Dein Gelb leuchtet.
Deine Vitamine verscheuchen die Viren.
Dein Duft erfrischt.
Manche erkennen, dass sauer lustig macht.
Du bist sehr flexibel und gern unterwegs.
Man kann dich in Limonaden, Cocktails und Duschgels treffen, im Brausepulver, im Eis und an vielen anderen Orten.
Du liebst auch die Gesellschaft von Äpfeln, Bananen und Orangen.

Ich mag dich und freue mich, dass es dich gibt.

By

Unvernünftige Vorsätze für das neue Jahr

Haben Sie schon gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst? Vorsätze, die ernsthaft, vernünftig, erfolgsversprechend sind – aber daher vielleicht auch ein bisschen… öde?

Wie wäre es, wenn Sie sich für 2015 einmal etwas bisher Ungewagtes, Ungewöhnliches vornehmen, etwas Verrücktes – vermeintlich Unsinniges? Wie wäre es mit 5 möglichst unvernünftigen Vorsätzen, die weder nützlich noch geldeinbringend sind? Die jedoch schon beim Gedanken an sie ein kindisches Lächeln auf Ihr Gesicht zaubern, das Herz klopfen lassen.

Die Autorin Julia Cameron schlägt in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ vor, sich jede Woche eine gewisse Zeit für das freie absichtslose Tun zu nehmen – sie nennt es, mit dem „inneren, kreativen Kind“ einen „Künstlertreff“ abzuhalten.

Der unten stehende Text von Joseph Beuys ist eine – wie ich finde – inspirierende Ideensammlung für solche Vorsätze, die sich beliebig erweitern lässt. Vielleicht möchten Sie die Liste mit eigenen Vorsätzen erweitern – schreiben Sie dazu einfach einen Kommentar. Viel Freude beim Unvernünftig-Sein im neuen Jahr!

Mit bestem Dank an Jana Faust (das Grafik-Büro) für die Genehmigung zur Abbildung ihrer Neujahrsgrußkarte und für das Textfundstück:

Lass dich fallen, lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukle so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich, ‚verantwortlich zu sein‘ – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Es wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, fantasievolle Träume.
Zeichne auf Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein. Sei frei. Preise dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe …
– Joseph Beuys –

By

Textfundstück „Vier“

Vier

Sie legt die vierte Karte bedächtig auf den Tisch.
Vier ergibt ein Quartett.
Eine schöne Zahl, denkt sie. Zwei mal zwei ergibt vier.

Sie denkt an den vergangenen Sommer. Gepackte Kisten im Flur. Das Warten auf die Umzugsfirma. Zwei und zwei ergibt vier, denkt sie. Vier Blätter hat der Glücksklee. Im Sommer sind sie zusammengezogen: Zwei von der Ostsee mit zweien aus der großen Stadt. Zwei Umzugsautos mit unzählbar vielen Kisten. Von vier Menschen.

Jetzt sitzen vier am Tisch und spielen Quartett. Ein Glücksspiel.

© Textarchiv möllerscript, 2014

Dieses kleine Textfundstück entstand bei einem unserer Schreibtreffs – aus einer Schreibinspiration durch die Zahl vier. Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

By

Textfundstück „Der aufrechte Gang“

Textbeispiel für Kreative Schreibmethode "Schneeball"

© Textarchiv möllerscript, 2014

Jeden Morgen übe ich
den aufrechten Gang.
Öffne die Tür hinaus – balanciere
über den Horizont.
Atme am Mittag. Tanze dann
bis zum Abend
zeitenlos.

 

Dieser 9-Zeilen-Text wurde nach dem Prinzip „Schneeball“, einer kreativen Schreibmethode, geschrieben. Entstanden in einem Biografie-Workshop zum Thema „Erwachsene Kinder aus Suchtfamilien“.

By

Eine Berliner Geschichte

Der folgende Text ist in einem unserer Schreibtreffs entstanden. Die Schreibaufgabe war hierbei, eine persönliche Geschichte zu schreiben, die den Autor bzw. die Autorin in Berlin erlebt hat. Ich danke für die freundliche Genehmigung der Autorin zur Veröffentlichung.

Ich erinnere mich: Es war damals in der Brunnenstraße… Es ist Herbst und es regnet in Strömen. Ich sitze in einem Altberliner Haus auf einem „Altdeutschen“ Stuhl mit geschnitzter Hochlehne und betrachte die ehrwürdige Einrichtung, die den Räumen eine besondere Stimmung verleiht. Ich warte, bis ich in das große Berliner Zimmer eintreten darf.
Man hat mich eingeladen, weil ich mich hier für eine Arbeitsstelle beworben habe. Die Tür geht auf. „Guten Tag“, sagt der große schlanke Herr mit sanfter Stimme. Er hat freundliche Augen und reicht mir die Hand, „kommen Sie doch rein, ich bin jetzt für Sie da.“
Ganz aufgeregt bin ich und es ist mir ziemlich warm davon. „Nehmen Sie doch Platz, einen Tee oder Kaffee?“, sagt er, und zeigt auf den Sitzplatz an seinem alten Schreibtisch gegenüber von dem antiken Sessel. „Einen Tee bitte. Könnten Sie bitte das Fenster öffnen? Es ist mir etwas warm geworden.“ – „Selbstverständlich, das tue ich.“ Mit schnellen leichten Schritten geht er über den knarrenden Parkettboden zum Fenster und öffnet es.
Es regnet nicht mehr, die Sonne blinzelt zwischen den Baumästen, die mit goldgelben Blättern geschmückt sind. Und jetzt hört man Musik aus dem Hof. Leierkasten-Musik, ganz laut. Dazu Gesang: Lieber Leierkastenmann… „Das ist Drehorgelmusik“, sagt der Mann auf meinen erstaunten Blick hin. Er bleibt am Fenster stehen und ich gehe zu ihm, um zu sehen, woher die Musik kommt.
„Sie sind nicht von hier“, stellt der Mann fest und lächelt, „es ist üblich, wenn Musiker auf dem Berliner Hof spielen, etwas Kleingeld in ein Tuch zu wickeln und es aus dem Fenster hinunter zu werfen.“
Plötzlich gehen sehr viele Fenster zum Hof auf, und aus den Wohnungen regnet es Taschentücher mit Geldstücken für die Musik.
Die Musik ist so wunderschön, dass ich ganz melancholisch werde, einige Tränen fließen vor Rührung Aber es ist schön, diese Atmosphäre erleben zu dürfen…Ich werfe auch ein eingewickeltes Geldstück aus dem Fenster hinunter für den Musiker. Dieser hebt seinen Hut und bedankt sich mit einer Verbeugung. Er spielt noch ein Stück und geht dann, nachdem er die Geldstücke eingesammelt hat.
Im Zimmer oben setzen wir beide uns jetzt an den großen Tisch, auf dem blaue Herbstastern in einer Biedermeiervase den Raum zieren.
„Nun ja“, beginnt der Mann die Unterhaltung, „wir sind ja heute hier zusammengekommen, weil Sie hier beginnen wollen zu arbeiten. Ich habe mir Ihre Unterlagen angesehen, sie gefallen mir.“ Bei diesen Worten lächelt er – noch wärmer als zuvor.
„Das ist für mich ein neues Arbeitsgebiet und für den Anfang werde ich etwas Unterstützung brauchen.“ – „Ich zeige und erkläre Ihnen erst mal alles, damit Sie sich zurecht finden können“, redet er beruhigend auf mich ein, „und wenn Sie anfangen, werden Sie für mich große Hilfe sein. – Was meinen Sie, nächste Woche Montag?“ „In Ordnung, ich komme!“ Ich bin erleichtert.
„Wenn Sie kommen und hier arbeiten, können Sie jede Woche einmal die Drehorgelmusik hören und mit der Zeit auch mitsingen, Lieber Leierkasten-Mann…der fängt immer von vorne an, mit der alten Melodie. Das gefällt Ihnen doch, oder?“ Jetzt lacht der Herr laut und mit viel mehr Wärme strahlen seine Augen. Ich lächle auch und habe ein angenehm vertrautes Gefühl. Vielleicht, weil wir gemeinsam der Musik gelauscht haben.
Musik verbindet, denke ich… und: Wo man singt, lass dich ruhig nieder – böse Menschen haben keine Lieder…

© Textarchiv möllerscript, 2012

 

 

By

Textfundstück: Dialog mit einer unerfüllten Sehnsucht

Der folgende Text ist in einem unserer Schreibtreffs entstanden. Die Schreibaufgabe war hierbei, einen „Dialog“ mit einer personifizierten Sehnsucht zu schreiben. Ich danke für die freundliche Genehmigung der Autorin zur Veröffentlichung.

Dialog mit einer unerfüllten Sehnsucht

S.:     Hallo du.

L.:     Hi.

S.:     Lang nicht gesehen.

L.:     Hm.

S.:     Sehr gesprächig bist du ja nicht…

L.:     Weiß nicht.

S.:     Hast du ’n Problem mit mir?

L.:     Keine Ahnung. Eigentlich weiß ich gar nicht so richtig, wer du bist und was du von mir willst.

S.:     Hast du mich echt vergessen?

L.:     Irgendwie schon, anscheinend. Also, du kommst mir bekannt vor. … Wie du mich gerade heraus anguckst. Wie du deine Hände bewegst. Wie die Luft um dich schwirrt. Aber ich kenn‘ deinen Namen nicht mehr.

S.:     Ach du… Naja, ist lange her. Hast wohl damals ziemlich Schiss gekriegt, oder?

L.:     Echt jetzt?

S.:     Weißt du noch, die Stimme?

L.:     Welche Stimme?

S.:     Na die: „Mit sowas fangen wir gar nicht erst an!“, als der Stuhl gerade dabei war, sich vom Boden zu lösen.

L.:     Komisch. Das mit dem Stuhl kommt mir bekannt vor. Wie dein Gesicht. Aber die Stimme?

S.:     Dein Onkel hatte dich beobachtet. Und eine Sekunde, bevor du es geschafft hast, ist er eingeschritten. Danach hast du das nie wieder probiert.

L.:     Der wollte doch bloß, dass ich nicht noch mehr Probleme kriege. Und wozu hätte mir das schon nützen sollen, wenn ich Stühle durch die Gegend fliegen lasse. Das hätte mir eh keiner geglaubt.

S.:     Das wäre noch das geringste Problem gewesen. Stillgelegt hätten sie dich, wenn du weißt, was ich meine.

L.:     Also bisher hab ich es nicht vermisst, nicht zaubern zu können.

S.:     Bist du sicher?

L.:     Doch, schon.

S.:     Kann es sein, dass du es bloß nicht merkst?

L.:     Hm.

S.:     Jetzt wirst du wieder einsilbig.

L.:     Na und?

S.:     Und das letzte Wort musst du auch immer haben.

L.:     Pffffff …

© Textarchiv möllerscript, 2011