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Kreatives Schreiben mit Sprichwörtern

Der folgende Text entstand bei unserem Offenen Treff für kreatives Schreiben.

Wortwörtlich

Schreibidee "einen Frosch im Hals haben"

Frosch im Hals? Geschichtenideen aus Sprichwörtern und Redewendungen

Plötzlich bekam Kai keine Luft mehr. Er beugte sich hustend über die Salatschale und röchelte. Seine Mutter sprang vom Tisch auf,  in zwei Sätzen war sie bei ihm und schlug dem Jungen kurz und kräftig auf den Rücken. Der aber ruderte nur wild mit den Armen und starrte hilfesuchend seine Mutter an. Sekunden später hatte diese den Notruf gewählt.

Der Arzt stellte zügig seinen Koffer ab und beugte sich über den röchelnden Patienten. Mit schnellen Bewegungen tastete er routiniert Hals und Kiefer des Jungen ab. Eine Lampe leuchtete in den Rachen und eine Art Schlauchzange zwängte sich – während Kai verzweifelt nach Atem rang – die Luftröhre hinab. Der Arzt packte es, das da zappelnd den Weg versperrte. Ein kurzer Ruck und Kai war befreit. Er hustete und starrte erstaunt auf das kleine Tablett, auf dem der Arzt den Störenfried platziert hatte. Dort hockte nun ein winziger Frosch, nicht größer als der Nagel von Kais kleinem Finger, und war ebenso schreckerstarrt wie der Junge selbst.

© Textarchiv möllerscript, 2016 | Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Kreative Schreibmethode:

Sprichwörter und Redewendungen als Inspiration für Geschichten nutzen

Aus einer vorbereiteten Sammlung zieht jede/r ein Sprichwort (oder eine Redewendung) und verfasst dazu eine kurze Geschichte, in der das Sprichwort tatsächlich wortwörtlich passiert, also nicht im übertragenen Sinne, als Metapher verwendet wird. So war der Ausgangspunkt für den hier vorgestellten Text zum Beispiel die Redewendung „einen Frosch im Hals haben“.


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Textfundstück: Der Flaneur

Die Berliner Untergrundbahn erhebt sich, an diesem sonnigen Dienstagvormittag noch spärlich besetzt, aus der Tiefe und ruckelt leise quietschend weiter über der Stadt. Das plötzliche Tageslicht blendet, der Mann mir gegenüber kneift die Augen zusammen. Ich sehe einen Anzugträger um die 50, sein Gesicht eingerahmt von einer dickrandigen Brille, leicht ergraut der Bart. Auf den Knien die unvermeidliche schwarze Notebook-Tasche. – Wer weiß, was da wirklich drin ist? Wer ist der Mann und wohin fährt er? – Ich denke mir Folgendes:

Frank ist die rechte Hand des Geschäftsführers eines aufstrebenden Berliner Software-Unternehmens. Seit acht Jahren fährt er jeden Morgen von Pankow zum Fehrbelliner Platz. Allerdings fährt er nicht – wie Millionen seiner Zeitgenossen – auf direktem und zeitsparendstem Wege zur Arbeit. Er liebt es vielmehr, einen Umweg zu nehmen. Wo andere seufzen, genießt er die Verspätung, gönnt sich den Zwischenausstieg und das Flanieren durch die Stadt. Dass er dafür die doppelte, manchmal drei- oder vierfache Zeit braucht, ist ihm nicht Qual, sondern höchstes Vergnügen.

Der Mann entnimmt seiner Tasche ein schmales Notebook, klappt es auf und beginnt unverzüglich zu schreiben. Beim Tippen schmunzelt er leise in sich hinein. Anscheinend hat er einen echten Fund gemacht. Und da höre ich es auch: Die beiden Kinder neben ihm auf der Bank unterhalten sich über ein interessantes Thema.

Der Flaneur - Kreatives Schreiben in der U-Bahn

Situations-Skizze für den Fall, dass der Protagonist noch während des Schreibens davonläuft

Was passiert, wenn man tot ist?, fragt der Junge. – Wir kommen alle in einen großen Kessel, der wird dann verrührt, und etwas Neues wird daraus gemacht, erklärt ihm freundlich seine Begleiterin. Ein Baum, ein Entenküken, ein Kiesel oder wieder ein neuer, kleiner Mensch. – Der Junge runzelt die Stirn. – Ein Baby also? – Dann sagt er: Unsere Seele kommt aber nicht in den Kessel. Die fliegt hoch. – Wohin denn? – Jetzt verzieht das Mädchen mitleidig den Mund. Der Junge erklärt ernst: Sie fliegt hin, wo sie hinwill. Über das Wasser oder auf einen hohen Berg oder ins Weltall mit den Kosmonauten. – Das Mädchen überlegt nun doch: Und die Seele, die gerade keine Lust mehr zum fliegen hat, sucht sich jemanden, der aus dem Kessel kommt. – Aber wo steht der Kessel?

Frank klappt das Notebook zu und erhebt sich zum Aussteigen. „Hausvogteiplatz“ lese ich auf den einfahrenden Schildern am Bahnsteig. Ich stehe auch auf und folge ihm. Dicht hintereinander erklimmen wir die Treppenstufen raus dem Bahnhof. Dann lasse ich ihn vorausgehen. Mein Geschichtenträger schlendert gemächlich um zwei Ecken, quert den Hausvogteiplatz, nicht ohne vor dem ehrwürdigen Schauspielhaus einen Moment innezuhalten. Um diese Uhrzeit ist der Platz noch wie leergefegt. Der Himmel hat sich inzwischen verdunkelt und ein paar dicke Regentropfen lösen sich aus den Wolken. Der Flaneur schlägt den Kragen hoch und wendet sich zum Gehen. Ich meine, ihm anzusehen, wie er den Faden seiner Geschichte in Gedanken weiterspinnt. Während er einer Radfahrerin den Vortritt lässt und sich geschickt zwischen zwei wartenden Taxis durchschlängelt, denkt er über das Sterben nach, über einen großen Kessel und fliegende Seelen.

Wir gehen noch ein Stück zusammen die Jerusalemer Straße hinunter Richtung Leipziger. Ein Bus fährt gerade an einer Haltestelle ein und ich lasse meinen Flaneur einsteigen und davonfahren. Frank wird sich an diesem Morgen noch weitere 45 Minuten durch die Stadt chauffieren lassen. Ein- oder zweimal wird er umsteigen und das letzte Stück zum Bürogebäude zu Fuß zurücklegen. (So denke ich mir das jedenfalls.) Ich spaziere zurück zur U-Bahn fahre weiter auf geradem Weg dorthin, wo ich ursprünglich hinwollte.

Erfahre hier mehr über die Schreibmethode zu diesem Text.

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In jedem Tabu steckt eine spannende Geschichte

schreibmethode-los-ziehen-tabu-verbotenesDieses Mal hatten wir bei unserem monatlichen Treff für kreatives Schreiben das spannende Thema „über Tabus schreiben“ am Wickel. Dazu sammelten wir zunächst auf Zetteln Ideen zum Thema Tabu – also Dinge, die wir selbst nicht tun würden oder solche, von denen „man sagt“, dass sie nicht getan werden sollten. Zum Beispiel: „sich in der Schlange vordrängeln“, „quer über ein Blumenbeet trampeln“, „Diebstahl begehen“… Die Zettel falteten wir dann zu Losen, jede Person zog ein Los und schrieb dann mit dem gezogenen Thema eine Geschichte.

Die anschließende Leserunde war bewegend: skurrile, amüsante, aber auch nachdenkliche Texte waren zu hören. Spannend, was sich gerade aus dem entfaltet kann, das wir als „tabu“ bzw. „verboten“ wahrnehmen. Da wird ein Taxifahrer von seinem Kunden hochbezahlt, er möge dessen Zimmer mit einer Axt zerlegen. Ein Affe wird vom Mond (auf dem er lebt) wegen seines Alkoholkonsums gemaßregelt, eine Frau ringt mit sich, ihrer Mutter zu erzählen, dass sie schwer krebskrank ist, eine Jugendliche wird magisch vom Rotlichtviertel angezogen, ein Kind spricht offen aus, was nicht zu übersehen ist…

Themen, die schwierig sind, verunsichern oder denen wir ausweichen, erzählen oft von den Bruchstellen, den Rändern unseres sicher geglaubten Lebens. Wenn wir uns den in Tabus versteckten Geschichten nähern, können sie uns direkt zu uns selbst führen. Wir erfahren etwas über unsere Substanz, das, was uns Halt gibt, über die Regeln, die von uns selbst (oder auch den Generationen vor uns) aufgestellt wurden. Tabuthemen sind schon deshalb auch wichtige „Geschichtenschlüssel“ im autobiografischen Schreiben.

Leseproben aus dem Schreibtreff und aus anderen kreativen Quellen ;-) gibt es unter der Rubrik „Textfundstück„.