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nur nicht wütend

Illustration zum Text "nur nicht wütend" - Ausschnitt eines Aquarells "Café Klapsmühle Berlin", 1992

noch so ne neue mode
„eisenkinder – die stille wut
der wendegeneration“
du lässt die zeitung sinken

(du liest noch zeitung
auf echtem papier)
und ich senke den blick
wütend, ja bin ich das?

bist du denn wütend?
fragst du tatsächlich
ich weiß nicht recht
aber nein nicht doch

wohl kaum, lautet dein urteil
du mit deinen 16 jahren
dir stand die welt ja noch offen

oh nein – ignorier‘ ihn
den kloß im magen
lächerlich total peinlich

ist das scham? oh nein
ein „eisenkind“
nein bin ich nicht

hier gibt es kein wir
und ich kann nicht klagen
den eltern den ist es
schlimm ergangen
mir steht noch heute die welt offen

und diese fein lodernde
wut von der die sprechen
auf dich? nein nein
du hattest ganz andere sorgen
damals im herbst

als das niemandsland sich ausdehnte – in dir und in mir
und seine grenzen risse bekamen
worauf dürfte ich wütend sein?

(niemand sitzt in der küche
und weint)
und deine mutter mahnt
ihr sei es schlimm ergangen
sie habe das land
für uns aufgebaut
zum gut gehen
sind wir verpflichtet

bist du denn wütend?
frage ich endlich
aber du hast dich schon wieder
in die zeitung vertieft in den
schnee von gestern
und nein nein
nur nicht wütend


Dieser Text (und Bild) ist Bestandteil einer gemeinsamen Schreib-Challenge mit Brigitte Windt: „Schreiben im November. Berlin 30 Tage 30 Texte„.

 

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